Donnerstag, 23. November 2017
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Ärzte und Mediziner PDF Drucken E-Mail

Prof. Max Thürkauf

Aus begreiflichen Gründen wird mancher Leser den Einwand machen, beim Titel dieses Aufsatzes handle es sich um eine Gegenüberstellung von Synonymen wie beispielsweise Pferde und Rosse, Fichten und Tannen, Basen und Kusinen oder Armut und Paupertät – also um eine Sinnlosigkeit. Für manche Kranke wäre es gut, wenn es sich hierbei um eine Sinnlosigkeit handeln würde. Aber aufgrund einer ganz bestimmten Armut besteht heute leider ein großer Unterschied zwischen einem Arzt und einem Mediziner. Der Name dieser Armut heißt Materialismus, also eine Armut an Geist. Der Unterschied ist an vielem zu erkennen, zum Beispiel dass es viel mehr Mediziner als Ärzte gibt. Allerdings ist bei dieser Zählung etwas zu beachten: Es gibt ebenso viele Mediziner wie Ärzte, aber nicht so viel Ärzte wie Mediziner. Die Lösung dieses Zahlenproblems ist einfach: Jeder Arzt ist ein Mediziner, aber nicht jeder Mediziner ist ein Arzt. Einst waren die Begriffe Arzt und Mediziner tatsächlich synonym, aber im Verlauf der neuesten Geistesgeschichte ist die beklagenswerte Spaltung entstanden. Man könnte sagen, die Armut sei ein Merkmal, um Ärzte von (bloßen) Medizinern zu unterscheiden: Ein Arzt ist arm an Geld und reich an Geist, ein (bloßer) Mediziner ist reich an Geld und arm an Geist. In der Physik gibt es die goldene Regel der Mechanik: Was ich an Kraft gewinne, verliere ich an Weg, und was ich an Weg gewinne, verliere ich an Kraft. In Abwandlung dieser Regel zur Anwendung auf die menschliche Gesellschaft könnte man sagen, was ich an Geld gewinne, verliere ich an Geist, und was ich an Geist gewinne, verliere ich an Geld. Die Armut des Arztes sollte jene des heiligen Franziskus sein: ein Bündnis mit dem Reichtum Gottes.
Ein weiterer Unterschied zwischen einem Arzt und einem (bloßem) Mediziner ist geprägt vom Unterschied zwischen Kultur und (bloßer) Zivilisation. Es gibt keine Kultur ohne Zivilisation, aber leider Zivilisation ohne Kultur. Die heutige Staatsform der kulturlosen Zivilisation ist die Technokratie, im Osten mit dem dialektischen und im Westen mit dem kapitalistischen Materialismus als Ideologie. Das Gemeinsame beider Ideologien ist die Gottlosigkeit. Grundlage einer jeden Kultur sind die Dimensionen des Religiösen, die Hinwendung zu Gott oder wenigstens zum Göttlichen. Arzt kann nur ein religiöser Mensch sein. Gewiss, auch ein Atheist kann sehr zivilisiert leben, aber er ist kulturlos – jedenfalls wenn er ein konsequenter Atheist ist. Glücklicherweise sind die meisten Atheisten nicht konsequent, sondern moralisch. Das heißt, sie beziehen ihre Kultur aus jenen Werten, die sie leugnen: aus religiösen Dimensionen. Diese Anleihen beim Geleugneten kann man kurz gefasst mit dem Ausspruch eines Atheisten ausdrücken: Gott sei Dank, bin ich Atheist. Der Arzt ist stets ein Kulturträger; der (bloße) Mediziner ist mit seinen Zivilisationselementen höchstens ein Kulturbeiträger. Wer ein Medizinstudium abgeschlossen hat, ohne im Menschen das besondere Geschöpf der Schöpfung erkannt zu haben, den ganz Anderen, wie Adolf Portmann den Menschen bezeichnet - das Ebenbild Gottes - ist erst ein Mediziner, aber noch kein Arzt. Geistige Arbeit ohne Gebet ist ein schneller Weg, um von Gott abzukommen, besonders in der Medizin und Naturwissenschaft. Es soll jedoch für die Wissenschaftler eine Lanze gebrochen werden: Mit Theologie ohne Gebet geht es noch schneller. Der (bloße) Mediziner ist wissenschaftsgläubig, der Arzt glaubt an Gott. Den Leib von einem wissenschaftsgläubigen Mediziner behandeln zu lassen, ist gefährlich. Noch gefährlicher ist es, die Seele von einem wissenschaftsgläubigen Theologen verführen zu lassen. Für einen gläubigen Wissenschaftler gibt es nichts Unglaubwürdigeres als einen wissenschaftsgläubigen Theologen.
Der Arzt bemüht sich, den Kranken zu heilen. Der (bloße) Mediziner vermag den Patienten höchstens gesund zu machen. Aber ein gesunder Mensch ist noch kein heiler Mensch. Und viele Gesunde werden krank, weil sie nicht heil sind. Dem Arzt geht es darum, die Menschen zu heilen, damit sie heilig werden können. Ein Heiliger ist ein Mensch, der heilen kann: Der Arzt wird deshalb bestrebt sein, ein Heiliger zu werden. Dazu seien alle Mediziner aufgemuntert. Von den dabei mit Sicherheit sich einstellenden Schwierigkeiten mögen sie sich nicht abhalten lassen. Hat doch der Heilige des Humors, Philipp Neri, gesagt: Ich wäre schon lange heilig, aber es ist immer etwas dazwischen gekommen. In Hinsicht auf Heilen und bloßem Gesundmachen besteht ein weiterer Unterschied zwischen einem Arzt und einem (bloßen) Mediziner: Der Arzt betet für seine Patienten und behandelt sie, der Mediziner behandelt sie bloß. lm Heidentum hieß es: Medicus curat, natura sanat - der Arzt behandelt, die Natur heilt. lm Christen- und Judentum heißt es: Medicus curat, Deus sanat - der Arzt behandelt, Gott heilt. Bei einem guten Arzt kann aus der Heilung des Patienten eine Heiligung des Menschen werden.
Die Heiligen sind im eigentlichen Sinn des Wortes die Abenteurer, jene, die ohne an sich zu denken um der Liebe willen vorangehen, die «zuerst das Reich Gottes suchen und seine Gerechtigkeit, und denen alles andere hinzugegeben wird» (Mt. 6, 33). Die Spießer sind jene, die zuerst das Ihre suchen. Unter diesem Gesichtspunkt können anerkannte Größen im Bereich der Wissenschaft, Kunst, Politik und Militär -und Religion - zu den Spießern gehören. Aber mancher Unbekannte, der sein Leben für den Nächsten hingibt – zum Beispiel eine Mutter, die sich für ihre Kinder aufopfert -, ist vor Gott der große Abenteurer. Bei dieser Unterscheidung sind die Ärzte Abenteurer und die (bloßen) Mediziner Spießer.
Die Krise der Schulmedizin besteht im eigentlichen darin, dass sie versucht, die Heilkunde auf Chemie und Physik zu reduzieren, also in der materialistischen Betrachtungsweise im Bereich des Lebens. Nun besteht die Lüge des Materialismus nicht in dem, was er sagt, sondern in dem, was er verschweigt. Zweifellos sind physikalisch-chemische Prozesse notwendig für das Leben, aber sie sind nicht hinreichend. Das beweist jenes Instrumentarium, mit welchem die Materialisten das Leben auf Chemie und Physik reduzieren wollen: kein einziges Prinzip des Lebens ist differentiell-kausal erfassbar, also mess- und berechenbar. Schon das Äußere nicht, die Gestalt: Es gibt kein Differential einer Lebensfunktion, das zur Ganzheit einer Lebensform integriert werden könnte - auch für die allereinfachste Gestalt nicht. Die diesbezüglichen Kunststücke der Vertreter einer «Selbstorganisation der Materie» sind ausnahmslos Zirkelschlüsse, die auf einer Verwechslung des Gegenstandes mit der im Geiste der Selbstorganisatoren sich abspielende Voraussetzung des Gegenstandes beruhen. Mit anderen Worten: Die Selbstorganisation der Materie ist nur durch die Selbstvergessenheit der Selbstorganisatoren möglich. Sie schließen sich bei einem «Spiel» (Manfred Eigen) aus, das sie selbst betreiben.
Die Ärzte wissen das, die (bloßen) Mediziner, die den Menschen als ein Stück komplizierter selbstorganisierter Materie in Reparatur nehmen wollen, sollten diese fundamentalen Fakten der Erkenntnistheorie beachten. Was das Leiden anbelangt, besteht ein beachtlicher Unterschied zwischen dem Arzt und dem (bloßen) Mediziner: Die Liebe macht es dem Arzt möglich, dem Leiden einen Sinn zu geben. Für den (bloßen) Mediziner ist das Leiden sinnlos, weil es die Zwecke des materialistischen Systems stört. Der Arzt bemüht sich, das Leiden zu mildern. Der (bloße) Mediziner will das Leiden um jeden Preis aus der Welt schaffen, auch um den Preis der Abschaffung der Leidenden. Der Fachausdruck dafür heißt Euthanasie. Sinnvoll sind nur Liebestaten. Eine Tat ohne Liebe ist sinnlos, und wenn sie noch so zweckvoll ist. Die moderne Naturwissenschaft wird täglich zweckvoller und täglich sinnloser, weil sie sich für wertfrei hält: frei von moralischen Werten, auch frei vom höchsten aller Werte: frei von Liebe - frei von Gott. Allerdings ist sie nicht wertfrei, weil die Wertfreiheit auch ein Wert ist: die Liebelosigkeit - also Gottlosigkeit. Es handelt sich um den alle Werte entwertenden Wert der Wertfreiheit. Der Sinn des Leidens ist die Liebe im göttlichen Geheimnis der gefallenen Schöpfung, in der es keine Liebe ohne Leiden gibt.
Für den Arzt ist der Tod Anfang, für den (bloßen) Mediziner Ende. Der Biologe Joachim Illies wurde anlässlich einer Pressekonferenz gefragt, was denn seiner Meinung nach der Sinn des Lebens sei. Antwort: Der Sinn des Lebens ist der Sinn des Todes. Er sagte das in seiner Todesstunde; kurz nachdem er sich von den Journalisten verabschiedet hatte, versagte sein Herz, und er starb in den Armen seiner Frau. Liebe, und tue was du willst, sagte der heilige Augustinus. Ohne Liebe ist alles sinnlos - auch die Heilkunde. Sie entartet dann eben zur bloßen Medizin. Im Signet auf dem Briefkopf des Regensburger Arztes Max Josef Zilch heißt es «Arzenei aus Liebe». Hätten alle Ärzte den Mut zu solcher Demut, wäre die Krise in der modernen Medizin bald überwunden. Es fehlen da nicht die Köpfe, sondern die Herzen. Übrigens: Demut heißt Gottesfurcht und keine Menschenfurcht; Hochmut ist Menschenfurcht (um der Karriere willen) und keine Gottesfurcht. Die Mediziner sollten bedenken, dass in ihrem Fach eine Karriere immer auf Kosten der Patienten geht. Die Liebe kennt keine Karriere, sondern sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Es kann sein, dass dabei auch äußere Erfolge auftreten. Aber – um ein Beispiel zu nennen -Mutter Teresa von Kalkutta wollte gewiss nicht Karriere machen, jedoch wurde ihr alles andere hinzugegeben. Der große jüdische Philosoph Martin Buber sagt, dass Gott in der Heiligen Schrift viele Namen habe, aber «Erfolg» sei kein Name Gottes, jedoch «verzehrendes Feuer» - Liebe.